Wenn die Welt in Trümmer fällt – Erdbeben

Sekunden, die das Leben verändern – Erdbeben

Pretare nach dem Beben
Pretare nach dem Beben

Es war in der Nacht vom 24. zum 25.8. als ich um 3.36 aufwachte und das ganze Haus schaukelte. Ich wohne in Cupra Marittima, im Paese Alto, dem antiken Teil der Stadt, über dem Meer. Erdbeben machen sich auch bei uns an der Küste bemerkbar und machen uns Angst, denn auch hier in diesem Küstenabschnitt haben alle Häuser, die über dem Meer in den alten Orten liegen, mindestens 300 Jahre auf den Mauern, die meisten sind noch älter, so wie meines aus dem 15. Jahrhundert. Die Epizentren der Beben sind meist ca. 70 km entfernt in den Sibillinischen Bergen oder den Monti della Laga in den Abruzzen oder im Latium.

Gottlob sind Erdbeben der furchterregenden Art wie dieses nicht häufig, aber unsere marchigianische Erde steht permanent unter Druck. Wer sich hierzu Informationen verschaffen möchte findet diese unter http://cnt.rm.ingv.it. Hier kann man die Stärke der Beben, das Epizentrum und die Tiefe ersehen. Alle Erdstöße unter 4.0 auf der Richterskala sind gar nicht oder kaum wahrnehmbar, verursachen also keine Schäden. Der Gefahrenbereich liegt bei Beben über 5.0. Das Erdbeben am 24.8. hatte die Stärke 6.2 und war somit sehr gefährlich.

Das ganze Ausmaß dieses ca. 30 Sekunden dauernden Schaukelns meines Hauses und dem darauffolgenden zweiten Beben ca. eine Stunde später und etwas schwächer, realisierte ich erst richtig, als mich mein Lebensgefährte morgens um 6.00 anrief. In Montefortino, in den Sibillinen, ca. 50 km von Accumoli entfernt, hatten alle Bewohner fluchtartig ihre Häuser verlassen um sich in Sicherheit zu bringen.

Die Schäden waren bei Dunkelheit noch nicht auszumachen, fast alle Häuser standen noch, aber dann mit dem Morgengrauen zeigten sich die Risse in den Hauswänden, der abgefallene Putz, heruntergefallene Ziegel, die Straßen waren blockiert von Felsgestein und jeder wollte nicht mehr ins Haus zurück, bevor von den Behörden alle Bauten auf Sicherheit untersucht wurden und werden.

Räumungsarbeiten in Castelluccio
Räumungsarbeiten in Castelluccio

Das Erdbeben knüppelte aber nicht alle unsere Orte nieder. Montemonaco, gerade einmal 5 km von Montefortino entfernt, hat keinerlei oder nur schwache Schäden zu verzeichnen, dafür aber wurde der mittelalterliche Ortskern von Amandola, ca. 12 km entfernt von Montemonaco, sowohl für Fußgänger als auch für Fahrzeuge komplett gesperrt. Restaurants und Hotels sind geschlossen, die nicht direkt an der Hauptpiazza liegen sondern im abgesperrten Teil.

.Die aktuelle Situation

Viele Menschen ziehen es momentan vor in ihren Autos zu schlafen oder in einem der Zelte, die in manchen Orten aufgestellt wurden. Die Gutachter zur Ermittlung der Schäden an jedem einzelnen Haus haben sofort nach dem Beben ihre Arbeit aufgenommen. Die Straßen wurden von den Gesteinsbrocken bereits geräumt und sind frei befahrbar bis auf die Ortskerne in manchen Städtchen und der Straße, die nach Pescara del Tronto und Accumoli führt.

Castelluccio di Norcia am 26.8.
Castelluccio di Norcia am 26.8.

Noch sind alle Kirchen in den Sibillinen präventiv geschlossen, bis sie auf ihre Sicherheit überprüft worden sind. Einige Wanderwege sollte man vermeiden, bei denen die Gefahr besteht, es könnte Gestein herabfallen. Dazu gehört die Gola dell’Infernaccio oder der Weg zum Pilatus-See von Foce abgehend. Alle Wanderwege, die nicht direkt durch ein Tal führen, sind bedenkenlos begehbar. Absolut sicher ist der Weg zum Monte Sibilla oder der Weg der Mäher und Drescher sowie viele andere.

Hinsichtlich der Unterbringungen ist es im Landhotel La Cittadella nahe Montemonaco bedenkenlos möglich. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, ohne auf Wandertouren zu verzichten, kann gut auf den Agriturismo Vecchio Gelso oder La Ginestra ausweichen (Anfahrt zu Wanderwegen in den Sibillinen ca. 20 km). Noch ist es etwas schwierig geöffnete Restaurants und Trattorien in den Sibillinen zu finden. Es empfiehlt sich eventuell etwas zu essen mitzunehmen.

Wenn man es persönlich erlebt

Da ich einer Kollegin unsere Landschaft zeigen wollte und die Tage dafür beschränkt waren, fuhren wir am 26.8. über Acquasanta Terme und Piedilama hinauf zur Piano Grande. Ab Auffahrt in Arquata del Tronto wurden wir von der örtlichen Polizei befragt, wohin wir wollten und warum. Wir konnten passieren mit der Empfehlung achtsam zu sein. Ich verstand dann auch fast sofort, warum. Da dies in unmittelbarer Nachbarschaft zum Epizentrum liegt kommt man an vielen zusammengefallenen Häusern vorbei, es könnten immer noch von nicht vollkommen zerstörten Gebäuden Trümmer herabfallen.

Die Straße, die von der Küste kommend über Comunanza führt, birgt diese Risiken nicht. Es wäre unehrlich zu sagen, dass man nichts von den erlebten Schrecknissen mitbekommt. Die Feuerwehr und die Hilfsdienste sind im stetigen Einsatz und leisten hervorragende Dienste. In einigen Orten wie z.B. Castelluccio sind die blauen Hilfszelte aufgebaut.

Ich liebe meine Wahlheimat sehr und jeder, der nun so mitgenommenen Orte ist mir vertraut und mit vielen Erinnerungen verbunden. Es hat mich daher sehr schwer getroffen und wird mir vermutlich nie mehr aus dem Sinn gehen, was ich auf dieser Fahrt sehen musste. Einerseits unsere Traumlandschaft und dann diese Zerstörung, die innerhalb von Sekunden so viele Menschenleben kostet und noch mehr Menschen alles nimmt.

Tag 2 nach dem Beben
Tag 2 nach dem Beben

Es ist sicher wahr, dass Baupfusch und üble Machenschaften nicht zuletzt dazu geführt haben, dass so viele – auch neue – Häuser zer

stört wurden. Der heutige Mensch ist (größtenteils) geprägt von einem einzigen Gedanken: wie komme ich so schnell und so leicht wie möglich zu immer noch mehr Geld. Bauten, die Jahrhunderte und somit auch schon etliche Erdbeben überstanden haben, sind ganz oder größtenteils unbeschädigt. Dort, wo der Mensch der Neuzeit meinte, renovieren und sanieren zu müssen, entstanden die meisten und größten Schäden, denn in erster Linie wurden nicht die Gebäude saniert sondern diejenigen, die sanieren sollten. Wir brauchen keinen Atomkrieg, keinen dritten Weltkrieg – wir erledigen uns ganz von alleine.

Sollten Sie Informationen benötigen oder Fragen hierzu haben stehe ich gerne zur Verfügung. Nutzen Sie bitte das Kontaktformular oder schreiben Sie mir direkt eine Mail an info@kastner-marche-ital.de

 

 

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